TECHNISCHES MEMORANDUM TM-26-001 BETREFF: Was neun Minuten Ausfall im nationalen Maßstab kosten DATUM: 2026-07-07 ZUSAMMENFASSUNG. Am 9. Juli 2021 war das Backend, das Deutschlands digitale Impfzertifikate ausstellte, neun Minuten lang nicht erreichbar. Kosten: rund 30.000 nicht ausgestellte Zertifikate. Die Redundanz war geplant; die Fehlerfälle nicht. 1. HINTERGRUND. Am Tag davor fiel in einem unserer Server ein Netzteil aus - nicht leise, es ist explodiert. Die VM auf dieser Maschine lag nicht auf dem SAN, es gab also nichts, worauf umgeschaltet werden konnte: der erste Ausfall. Die Stromspitze hatte außerdem einen der Switches beschädigt. Der Austausch war für den nächsten Tag angesetzt. 2. FESTSTELLUNGEN. 2.1 Beim Austausch am nächsten Tag übernahm der Zwilling des Switches nicht - die Redundanz, die den Verkehr hätte tragen sollen. 2.2 Das Backend war neun Minuten nicht erreichbar. 2.3 In diesen neun Minuten wurden rund 30.000 Zertifikate nicht ausgestellt - Menschen, die in Apotheken und Impfzentren standen und warteten. Bis zu diesem Tag hatte das System mehr als 60 Millionen ausgestellt. 2.4 Reisen war während der Pandemie in vielen Fällen nur mit aktuellem Test- oder Impfzertifikat möglich. Jedes deutsche Zertifikat lief über dieses Backend - einen anderen Weg gab es nicht. 3. ANNAHMEN. Wenn nur 1 % dieser 30.000 kurz vor einer Auslandsreise standen - ein Flug, eine Grenzkontrolle - sind das 300 Menschen. Bei moderaten 400–1.000 EUR pro Ticket haben neun Minuten rund 120.000–300.000 EUR an fremden Reiseplänen aufs Spiel gesetzt. 4. SCHLUSSFOLGERUNGEN. „Wie viel Redundanz ist genug?“ ist keine Architekturfrage. Es ist Arithmetik: Was kostet eine Minute Ausfall nach dem eigenen Wertmaßstab - Zertifikate, Bestellungen, Patienten, Flugtickets? Jemand muss diese Rechnung machen, bevor die Hardware sie macht. 5. MASSNAHMEN. Auf unserer Seite gab es nichts zu reparieren. Ein explodierendes Netzteil ist Pech. Eine VM ohne SAN-Kopie und ein Zwilling, der nicht übernimmt, sind es nicht. Beides lag in der Infrastruktur unter unserer Software; was blieb, war die Lieferantenbeziehung: Wir haben unseren Rechenzentrumsbetreiber um bessere Sorgfalt bei den erbrachten Leistungen gebeten. Manche Vorfälle enden in einer Architekturänderung. Dieser endete in einem harten Gespräch - und in diesem Memo.