TECHNISCHES MEMORANDUMTM-26-002
ZUSAMMENFASSUNG. Im Mai 2015 habe ich beim Bau einer Kunstinstallation auf der re:publica in Berlin geholfen: 29 Lampen auf einer gemalten Europakarte, jede leuchtete live in der Tageslichtfarbe eines Landes, gespeist von batteriebetriebenen Sensoren, die wir an Freiwillige in der ganzen EU verschickt hatten. Es sah aus wie ein Spielzeug. Es war eine Übung in verteilten Systemen – und daraus wurden neun Jahre Firmenaufbau.
1. HINTERGRUND. Stephan Noller hatte gerade UBIRCH gegründet und wollte zeigen, was „Internet of Things“ heißt, wenn die Dinge wirklich verteilt sind – nicht auf dem Labortisch, sondern in fremden Wohnungen, in anderen Ländern, hinter anderen Netzen. Der Aufbau: autonome Lichtsensoren (ein Atmel 328, ein GSM-Modem, eine Batterie), verschickt an Gastgeber in jedem EU-Mitgliedstaat; jeder meldet das lokale Tageslicht an eine Lampe auf einer sechs mal sechs Meter großen Bodenkarte in der STATION-Berlin. Ich kam dazu, um beim Bauen zu helfen.
2. FESTSTELLUNGEN.
2.1 Ein Sensor, den man verschickt, hat keine Remote Hands. Keine Shell, kein Reflash, kein „einmal aus- und wieder einschalten“. Energiebudget und Funkverhalten mussten stimmen, bevor der Karton zugeklebt war – mit Low-Power-Modi hielt eine Batterie länger als einen Monat.
2.2 Die Logistik fiel früher aus als die Elektronik. Mehr als zehn Sensoren haben ihre Gastgeber nie erreicht; einer ist, soweit ich weiß, bis heute in China verschollen. Gegen Versandprobleme hilft kein Firmware-Update.
2.3 Provisionierung ist ein Single Point of Failure – gleich zweimal. Erst gingen alle Sensoren auf einmal offline: Der Provider hatte unsere SIM-Karten versehentlich deaktiviert. Stephan hat das mit Telefonaten gelöst, nicht mit Code. Dann verweigerten die GSM-Module der Lampen auf dem Hallenboden das Netz – vermutlich ein Status-Cache; ich habe es Stunden vor Türöffnung behoben, per Kurzschließen der spannungslosen Module.
2.4 Die Lampen liefen auf derselben Hardware plus RGB-LED, auf Betonsockeln, die Stephan selbst gegossen hatte – jeweils mit Land und Geokoordinaten des Gastgebers im Beton. Besucher konnten Europa per Tweet umfärben. Der spaßige Teil hat Tage gekostet; 29 Embedded-Geräte auf einem Konferenzboden am Leben zu halten, den ganzen Rest.
3. SCHLUSSFOLGERUNGEN. Die Distanz zwischen Prototyp und ausgeliefertem System ist nicht rechnerisch, sie ist operativ: Versand, Provisionierung, Strom und das Fehlen von Remote Hands. Ein Kunstprojekt ist der beste Ort, das zu lernen – niemand kommt zu Schaden, und alle schauen zu.
4. MASSNAHMEN. Während des Aufbaus fragte Stephan, ob ich bei der frisch gegründeten UBIRCH einsteige. Ich sagte ja; auf dem Papier wurde daraus 2016 Mitgründer und CTO. Es folgten neun Jahre Vertrauensinfrastruktur, am Ende stand ein Backend, das 350 Millionen Impfzertifikate ausgestellt hat. Die Linie von den Lampen zu den Zertifikaten ist kürzer, als sie aussieht: Man plant ohne Remote Hands und respektiert die Teile des Systems, die aus Pappe, Verträgen und SIM-Karten bestehen. Die Lampen haben die Konferenz überlebt – zwei Jahre später wurden einige der Originale an Fans verkauft.